Spieleabend

Endlich Sommerferien. Endlich wieder Zeit, um bis spät in die Nacht, bis in die Morgenstunden hinein, ungestört in Gedankenwelten einzutauchen und allein mit Gott und der Welt zu sein. Beeindruckt vom Science-Fiction-Roman „Welt am Draht“(*),

stellte ich mir die Frage nach der Wahrheit des Lebens. Ich hatte viele Fragen und baute mit ihnen viele Luftschlösser. Mit jeder Antwort, die ich auf eine der vielen Fragen fand, entstanden neue Fragen, entstand ein großer Baum von Fragen. Er wuchs und wuchs und wollte nicht aufhören zu wachsen.
So war das jedes Jahr in den Ferien, bis zum Sommer des letzten Schuljahres meiner Mittleren Reife, mit früherem Schulabgang und damit mehr Zeit für viele, viele Fragen. Mein Baum wuchs weiter und die Fragen wurden seltener, bis ich immer öfter Antworten fand und nur noch wenige Fragen blieben: Was ist Glaube? Was ist Macht? Was ist Unendlichkeit? Was ist Zufall?
Tagtäglich trug ich solche Weltfragen mit mir herum. Immer wieder versuchte ich ihr Wesen zu ergründen, sie miteinander zu verbinden und in einer einzigen Antwort, in einem einzigen Gedanken und in einer einzigen Vorstellung in Einklang zu bringen.
Eines Abends spielte ich mit meinen Freunden Skat. Das Ende einer Spielrunde war erreicht. Ich lehnte mich in meinem Sessel zurück und schnippte noch schnell die letzte Spielkarte aus der Hand. Kaum war die Karte aus meinen Fingern, flog sie in einem Bogen nach unten und verschwand unter der Kante der Tischplatte. Genau in diesem Moment als die Karte aus meinen Augen verschwand, fand ich auf meine wenigen gebliebenen Fragen die letzten Antworten. Die Auflösung aller Weltfragen schien mir gelungen zu sein. Fragen? Fragen hatte ich keine mehr. Ich fühlte mich gelöst, war vollständig eins mit der Welt. Mit dem Besitz dieser Weisheit wusste ich nicht nur, was Glaube, Macht, Unendlichkeit und Zufall waren, es war komplett in mir drin. Jetzt konnte ich mit der Welt machen, was ich wollte. Ich wagte es allerdings kaum, diese Ungeheuerlichkeit wirklich zu denken und an der bestehenden Welt zu rühren.
Ich wusste, dass dieser ungewöhnliche Moment nicht lange andauern würde, sodass ich mir schnell beweisen wollte, dass ich nicht verrückt geworden war. Zuletzt hatte ich die Spielkarte unter dem Tisch verschwinden sehen, sodass sie immer noch in meinem Bewusstsein vorhanden war. Deshalb beschloss ich spontan, ihre Realität zu ändern:

„Karte,
die du auf den Boden gefallen bist,
sei auf dem Tisch!“

Gedacht, gewollt, getan.

Jetzt musste die Karte auf dem Tisch liegen. Das war wie ein Bruch mit der objektiven Realität. Ich machte eine Idee zur Wirklichkeit. Zauberei. Kaum war das geschehen, fing mein Selbstbewusstsein an zu schwanken. Ich war mir meiner selbst plötzlich nicht mehr sicher, es fiel in eine schreckliche Bedeutungslosigkeit. War ich doch verrückt geworden? Konnte sein, was gerade passierte? Durfte ich mir selbst glauben? Mein Verstand suchte nach Greifbarem. Ich erinnerte mich an Rubiks Zauberwürfel, für den ich eine mathematische Formel entwickelt hatte, die viele Millionen ungeordnete Würfelstellungen in einen einzigen, geordneten Zustand führten. Dafür hatte ich von Bild der Wissenschaft einen Preis erhalten.(**) An diesem Erfolg hielt ich mich fest. Mein logischer Denkapparat funktionierte tadellos, meine Zauberei konnte ganz so verrückt also nicht sein, beruhigte ich mich.
Trotzdem schienen meine Gedanken um die Karte völlig verrückt zu sein. Auch wenn sie vollkommen von der üblichen Erfahrungswelt abwichen, wollte ich immer noch an diese neue Wirklichkeit glauben. Streng genommen glaubte ich auch nicht, ich wusste, dass dies geschehen war, dass dieser Gedanke real geworden war und nicht anders als wahr sein konnte. Die Karte musste auf dem Tisch liegen, auch wenn sie zu Boden gefallen war. Dieses Wissen stand allerdings mit allen Lebenserfahrungen in einem eklatanten und klaren Widerspruch, sodass ich diese ganze Geschichte vergessen wollte. Ich beließ es bei diesem Hin und Her an Gedanken und dachte nicht mehr über Hokuspokus nach.

Horst bückte sich.

Er kroch unter den Tisch. Ich beobachtete ihn und war leicht angespannt; eine Sekunde, zwei Sekunden, fünf, zehn. Er kam nicht etwa wieder hervor, sondern rutschte auf seinen Knien und legte sich flach auf den Boden. Suchte er etwa die Karte? Ich wurde mir meiner selbst wieder sicherer.
„Hast du sie endlich gefunden?“, fragte ich.
Horst antwortete nicht.
Ich blieb ganz ruhig in meinen Sessel zurückgelehnt, bewusst darüber, jetzt ja nicht meine Hände zu bewegen, in keiner Weise einzugreifen und mich selbst völlig aus dem Geschehen herauszuhalten. Ich beobachtete seine Beine, die immer lebhafter in Bewegung gerieten, sich hin- und herwendeten.
Ich war neugierig geworden: Wo war die Karte tatsächlich?
„Zähl doch mal die Karten auf dem Tisch!“, bat ich Horst.
Er gab immer noch keinen Ton von sich, und ich bat ihn mit etwas Nachdruck erneut: „Zähl doch bitte die Karten nach!“
„Eine Karte ist runtergefallen“, rief er nun von unten und bewegte sich munter weiter. Nach einer guten Weile erhob er sich und hielt kurz inne.
„Zähl doch die Karten auf dem Tisch bitte einfach mal nach“, bat ich ihn wieder.
Zögernd sammelte er die Karten ein und begann lustlos zu zählen. Dabei schien er in Gedanken immer noch auf der Suche nach dieser Karte zu sein, denn er blickte immer wieder unter den Tisch.
„Zweiunddreißig“, sagte er nach der letzten gezählten Karte. Sie waren vollständig.
Horsts Blick wandte sich mir zu. Sein Gesicht veränderte sich, erblasste, erstarrte und wurde zugleich lebendig. Er zählte noch einmal, ohne erneute Aufforderung meinerseits. Diesmal schien er völlig konzentriert und aufmerksam zu sein, er zählte nicht so flüchtig wie beim ersten Mal. Zweiunddreißig. Er hielt alle Karten fest in seiner Hand und starrte sie ungläubig an.
„Es ist eine Karte runtergefallen, da bin ich mir ganz sicher“, sagte er jetzt völlig außer Fassung geraten. Nach einer kurzen Besinnungspause und absoluter Zurückhaltung meinerseits sagte er nochmals mit fester Stimme: „Ich habe es doch gesehen!“
Genüsslich beobachtete ich ihn. Er schielte immer wieder zweifelnd unter den Tisch. Ich konnte seine Verwirrung gut nachvollziehen, sogar fast seine Gedanken lesen. Mit mir war ich sehr, sehr zufrieden. Und Horst? Horst brauchte noch viele Skatrunden, bis seine Nervosität von ihm wich und er sich langsam wieder konzentriert dem Spiel zuwendete.

*) Science-fiction Roman von Daniel F. Galouye, Goldmann Verlag, 1964.

**) Bild der Wissenschaft, Ausgabe 4/1981 S. 99 ff. und 8/1981 S. 112 ff.

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