Wiedereinzug

Ich arbeite seit kurzem an einem Hörbuch. Vermutlich wird es in der zweiten Jahreshälfte 2021 erscheinen. Hier eine Hörprobe des Kapitel “Wiedereinzug” (mit Veranstaltungshinweisen für Oktober und November 2020):

Kraft und Kräfte

Auf der Kundgebung zu 30 Jahre Mainzer Straße am 13.09.2020 las ich das Kapitel “Kraft und Kräfte” aus dem Buch, ganz so, wie ich den Räumungsversuch der Mainzer Straße am 13.11.1990 erlebt hatte, der nach stundenlanger militanter Gegenwehr zum Abzug der Berliner Polizei führte.

Anlässlich der angekündigten Räumung der Liebig34 zum 09.10.2020, stelle ich das Kapitel “Kraft und Kräfte” nicht als Text, sondern als Audio online.

Kapitel

  • Provinz
  • Berlin
    • Die erste Bleibe
    • Die Zeitung
    • Das Rote Zimmer
    • Der Erste Mai
    • Das möblierte Zimmer
    • Die Rentnerin
    • Die Warmmiete
    • Die Studentinnen WG
    • Die Volksbewegung
    • Drüben
    • Vollmond
    • Das Infocafe
    • Blind Date
  • Hausbesetzung
    • Die erste Nacht
    • Der Hausnachbar
    • Ein Tourist auf der Oberbaumbrücke
    • Umzugshelfer vom Polenmarkt
    • Die Falltür
    • Augen und Zähne
    • Das Ultimatum
    • Strom
    • Wiedereinzug (Hörprobe)
    • Fenstergitter
    • Der Polizeipräsident
    • Die Vokü
    • Der Schlüssel
    • Ingo und Linda
    • Villa Bernau
    • Abgeführt
    • KWV
    • Mit Lenin in einer Reihe
    • Die Volkssolidarität
    • Telefon
    • Lauschangriff
    • Das Transparent
    • Stehpisser
    • Tuntenhaus und Kaviar
    • Steine
    • Seestern
  • Wohnungsbesetzung
    • Die Keksdose
    • Freie Deutsche Jugend
    • Über Leben
    • Halts Maul Deutschland
    • Klangmaschine – Made in GDR
    • Zwei Halbe und ein Ganzes
  • Mainzer Straße
    • Erste Orientierung
    • Macht und Ohnmacht
    • Film und Fern Sehen
    • Angriff und Verteidigung
    • Kraft und Kräfte
    • Ruhe
    • Am Lagerfeuer
    • Notruf
    • Sturm
    • Traum und Träume
    • Handschlag
    • XB
    • Krisenplenum
    • Flugblätter
  • Zerschlagung
    • Neue Schuhe und eine Bohrung
    • Das Gerücht
    • An der Uni
    • Container
    • Abschied

Inhalt

Im Frühjahr 1990 macht sich der 25-jährige Abiturient Stino auf den Weg nach Berlin, um Philosophie und Informatik zu studieren. Die Stadt feiert euphorisch den Fall der Mauer, während er vergeblich nach einer Unterkunft sucht. Wegen zunehmender Wohnungsnot geht er nach Berlin-Friedrichshain und macht ein leer stehendes Haus zu seinem neuen Zuhause. Mit der Liebigstraße 34 wird Stino zu einem von mehr als 1000 Hausbesetzern, einer neuen autonomen Bewegung in der noch bestehenden DDR.

Es folgen unvermeidbare Konflikte mit Anwohnern, Behörden, Polizei, Faschos und auch innerhalb der Häuser. Lehrreiche Auseinandersetzungen tragen zu neuen Strukturen im Kiez bei, bis wenige Wochen nach dem Tag der Deutschen Einheit diese Entwicklung endet. Eine Polizeiarmee wird bundesweit zusammengezogen, um die besetzten Häuser der benachbarten Mainzer Straße zu räumen.

Vorwort

Liebe LeserInnen

Zwei Gesellschaften aus unterschiedlichen politischen Systemen trafen in Berlin 1990 nach der Maueröffnung unmittelbar aufeinander. Aus den Geschichten, die ich damals dort erlebt hatte, sollte ein Roman werden. Meine Lektorin meinte jedoch, dass dies keinesfalls ein Roman sei, sondern alles echt.
Wirklich alles echt? Vielleicht ohne, dass irgendetwas genau stimmt. Dialoge wurden beispielsweise nicht immer wortgetreu so gesprochen, wie von mir geschrieben. Ihr werdet selbst sehen, wie echt diese Geschichten sind und wie vieles davon Geister.
Habt Spaß mit oder Angst vor meinen echten und unechten Geistern, die vielleicht immer noch in Friedrichshain zwischen räumungsgefährdeten Häusern umherspuken und aus Knüppeln Bumerangs machen. Die Party der Elite ist zu Ende, mit und ohne Geister.

Ich wünsche meinen Schwestern und Brüdern, der Liebig34, dem Kiez und allen räumungsbedrohten Menschen viel Mut, Kraft und Inspiration.
Für eine bessere Welt – für alle.

Antonio Porète, 10. Januar 2020

Das Rote Zimmer

Ich hatte einen Termin für ein Zimmer in Berlin-Schöneberg. Ich war pünktlich, klingelte und ein großer, schlanker Mann öffnete die Tür.
„Ich komme wegen des Zimmers.“
„Ja“, sagte dieser große, schlanke Mann und bat mich herein. Dabei drehte er sich begleitet von einer gleichmäßigen und langsamen Handbewegung elegant um seinen eigenen Körper. Das sah sehr professionell aus. Wir gingen über drei Treppenstufen hoch, direkt in einen langen Flur hinein. Ohne Worte folgte ich ihm. Da fiel mir der rote Läufer auf. Offenbar waren wir bereits mitten in der Wohnung. Mit jedem Schritt nahm ich mehr und mehr den Stil und die Farbe der Wohnung wahr. Der breite, lange Flur, die Tapeten sowie auch die Decke waren vollständig rot. Helles Rot, dunkles Rot, gemustertes Rot, hier und da auch mal eine Spur Schwarz und an den Wänden gelblich schimmernde Beleuchtungen. Wie in einem luxuriösen Hotel.

Mit diesen Eindrücken folgte ich ihm bis zu einer Tür, die er sanft öffnete.
„Bitte!“, sagte er.
„Danke“, sagte ich und trat in ein Zimmer. Vor mir stand ein breites, überdachtes Bett, voller Schnörkel, voller Plüsch und wieder mit viel, viel Rot. Romantisch, dachte ich und blieb staunend stehen. Der große, schlanke Mann schritt quer durch das Schlafzimmer auf eine weitere Tür zu, die er ebenfalls öffnete.
„Bitte!“, sagte er erneut mit seiner eleganten Handgeste.
„Ist das hier das Zimmer?“, fragte ich leicht verwirrt, noch bevor ich einen Blick hineinwarf.
„Ja“, war seine nüchterne Antwort. Ich machte einen Schritt nach vorn, blieb auf der Türschwelle stehen und betrachtete das kleine, schlauchförmige und völlig kahle Zimmer. Ich war sprachlos und rettete mich aus meinem peinlichen Schweigen mit der Frage: „Hat das Zimmer auch einen eigenen Eingang?“
Eigentlich war die Frage überflüssig. Das Zimmer war völlig leer, sodass mir ein weiterer Zugang sofort ins Auge gefallen wäre.
„Ja, den gibt es“, war die überraschende Antwort, mit der ich nun wirklich nicht gerechnet hatte. Mit dem Türgriff in der Hand blickte ich suchend hinter die Tür, denn nur dort hätte noch eine weitere Tür sein können. Die gab es aber nicht. Mir wurde komisch zumute und ich suchte nun nicht mehr nach einem Eingang, sondern nach einem Ausgang. Ich wollte möglichst schnell hier raus.

Auf dem Rückweg, im Schlafzimmer, suchte ich nach Worten, um die bedrückende Stille zu unterbrechen.
„Stört es Sie denn nicht, wenn ich nachts um drei Uhr nach Hause komme und jedes Mal durch ihr Schlafzimmer latschen muss?“
„Nein“, war seine wie üblich kurze und für mich nicht mehr überraschende Antwort.
Ich dankte ihm höflich für dieses Angebot, verabschiedete mich und war erleichtert, als ich wieder auf der Straße war.

Spieleabend

Endlich Sommerferien. Endlich wieder Zeit, um bis spät in die Nacht, bis in die Morgenstunden hinein, ungestört in Gedankenwelten einzutauchen und allein mit Gott und der Welt zu sein. Beeindruckt vom Science-Fiction-Roman „Welt am Draht“(*),

stellte ich mir die Frage nach der Wahrheit des Lebens. Ich hatte viele Fragen und baute mit ihnen viele Luftschlösser. Mit jeder Antwort, die ich auf eine der vielen Fragen fand, entstanden neue Fragen, entstand ein großer Baum von Fragen. Er wuchs und wuchs und wollte nicht aufhören zu wachsen.
So war das jedes Jahr in den Ferien, bis zum Sommer des letzten Schuljahres meiner Mittleren Reife, mit früherem Schulabgang und damit mehr Zeit für viele, viele Fragen. Mein Baum wuchs weiter und die Fragen wurden seltener, bis ich immer öfter Antworten fand und nur noch wenige Fragen blieben: Was ist Glaube? Was ist Macht? Was ist Unendlichkeit? Was ist Zufall?
Tagtäglich trug ich solche Weltfragen mit mir herum. Immer wieder versuchte ich ihr Wesen zu ergründen, sie miteinander zu verbinden und in einer einzigen Antwort, in einem einzigen Gedanken und in einer einzigen Vorstellung in Einklang zu bringen.
Eines Abends spielte ich mit meinen Freunden Skat. Das Ende einer Spielrunde war erreicht. Ich lehnte mich in meinem Sessel zurück und schnippte noch schnell die letzte Spielkarte aus der Hand. Kaum war die Karte aus meinen Fingern, flog sie in einem Bogen nach unten und verschwand unter der Kante der Tischplatte. Genau in diesem Moment als die Karte aus meinen Augen verschwand, fand ich auf meine wenigen gebliebenen Fragen die letzten Antworten. Die Auflösung aller Weltfragen schien mir gelungen zu sein. Fragen? Fragen hatte ich keine mehr. Ich fühlte mich gelöst, war vollständig eins mit der Welt. Mit dem Besitz dieser Weisheit wusste ich nicht nur, was Glaube, Macht, Unendlichkeit und Zufall waren, es war komplett in mir drin. Jetzt konnte ich mit der Welt machen, was ich wollte. Ich wagte es allerdings kaum, diese Ungeheuerlichkeit wirklich zu denken und an der bestehenden Welt zu rühren.
Ich wusste, dass dieser ungewöhnliche Moment nicht lange andauern würde, sodass ich mir schnell beweisen wollte, dass ich nicht verrückt geworden war. Zuletzt hatte ich die Spielkarte unter dem Tisch verschwinden sehen, sodass sie immer noch in meinem Bewusstsein vorhanden war. Deshalb beschloss ich spontan, ihre Realität zu ändern:

„Karte,
die du auf den Boden gefallen bist,
sei auf dem Tisch!“

Gedacht, gewollt, getan.

Jetzt musste die Karte auf dem Tisch liegen. Das war wie ein Bruch mit der objektiven Realität. Ich machte eine Idee zur Wirklichkeit. Zauberei. Kaum war das geschehen, fing mein Selbstbewusstsein an zu schwanken. Ich war mir meiner selbst plötzlich nicht mehr sicher, es fiel in eine schreckliche Bedeutungslosigkeit. War ich doch verrückt geworden? Konnte sein, was gerade passierte? Durfte ich mir selbst glauben? Mein Verstand suchte nach Greifbarem. Ich erinnerte mich an Rubiks Zauberwürfel, für den ich eine mathematische Formel entwickelt hatte, die viele Millionen ungeordnete Würfelstellungen in einen einzigen, geordneten Zustand führten. Dafür hatte ich von Bild der Wissenschaft einen Preis erhalten.(**) An diesem Erfolg hielt ich mich fest. Mein logischer Denkapparat funktionierte tadellos, meine Zauberei konnte ganz so verrückt also nicht sein, beruhigte ich mich.
Trotzdem schienen meine Gedanken um die Karte völlig verrückt zu sein. Auch wenn sie vollkommen von der üblichen Erfahrungswelt abwichen, wollte ich immer noch an diese neue Wirklichkeit glauben. Streng genommen glaubte ich auch nicht, ich wusste, dass dies geschehen war, dass dieser Gedanke real geworden war und nicht anders als wahr sein konnte. Die Karte musste auf dem Tisch liegen, auch wenn sie zu Boden gefallen war. Dieses Wissen stand allerdings mit allen Lebenserfahrungen in einem eklatanten und klaren Widerspruch, sodass ich diese ganze Geschichte vergessen wollte. Ich beließ es bei diesem Hin und Her an Gedanken und dachte nicht mehr über Hokuspokus nach.

Horst bückte sich.

Er kroch unter den Tisch. Ich beobachtete ihn und war leicht angespannt; eine Sekunde, zwei Sekunden, fünf, zehn. Er kam nicht etwa wieder hervor, sondern rutschte auf seinen Knien und legte sich flach auf den Boden. Suchte er etwa die Karte? Ich wurde mir meiner selbst wieder sicherer.
„Hast du sie endlich gefunden?“, fragte ich.
Horst antwortete nicht.
Ich blieb ganz ruhig in meinen Sessel zurückgelehnt, bewusst darüber, jetzt ja nicht meine Hände zu bewegen, in keiner Weise einzugreifen und mich selbst völlig aus dem Geschehen herauszuhalten. Ich beobachtete seine Beine, die immer lebhafter in Bewegung gerieten, sich hin- und herwendeten.
Ich war neugierig geworden: Wo war die Karte tatsächlich?
„Zähl doch mal die Karten auf dem Tisch!“, bat ich Horst.
Er gab immer noch keinen Ton von sich, und ich bat ihn mit etwas Nachdruck erneut: „Zähl doch bitte die Karten nach!“
„Eine Karte ist runtergefallen“, rief er nun von unten und bewegte sich munter weiter. Nach einer guten Weile erhob er sich und hielt kurz inne.
„Zähl doch die Karten auf dem Tisch bitte einfach mal nach“, bat ich ihn wieder.
Zögernd sammelte er die Karten ein und begann lustlos zu zählen. Dabei schien er in Gedanken immer noch auf der Suche nach dieser Karte zu sein, denn er blickte immer wieder unter den Tisch.
„Zweiunddreißig“, sagte er nach der letzten gezählten Karte. Sie waren vollständig.
Horsts Blick wandte sich mir zu. Sein Gesicht veränderte sich, erblasste, erstarrte und wurde zugleich lebendig. Er zählte noch einmal, ohne erneute Aufforderung meinerseits. Diesmal schien er völlig konzentriert und aufmerksam zu sein, er zählte nicht so flüchtig wie beim ersten Mal. Zweiunddreißig. Er hielt alle Karten fest in seiner Hand und starrte sie ungläubig an.
„Es ist eine Karte runtergefallen, da bin ich mir ganz sicher“, sagte er jetzt völlig außer Fassung geraten. Nach einer kurzen Besinnungspause und absoluter Zurückhaltung meinerseits sagte er nochmals mit fester Stimme: „Ich habe es doch gesehen!“
Genüsslich beobachtete ich ihn. Er schielte immer wieder zweifelnd unter den Tisch. Ich konnte seine Verwirrung gut nachvollziehen, sogar fast seine Gedanken lesen. Mit mir war ich sehr, sehr zufrieden. Und Horst? Horst brauchte noch viele Skatrunden, bis seine Nervosität von ihm wich und er sich langsam wieder konzentriert dem Spiel zuwendete.

*) Science-fiction Roman von Daniel F. Galouye, Goldmann Verlag, 1964.

**) Bild der Wissenschaft, Ausgabe 4/1981 S. 99 ff. und 8/1981 S. 112 ff.

Umzugshelfer vom Polenmarkt

Der Fußweg zwischen Friedrichshain und Kreuzberg, die ganze Warschauer Straße entlang, über die Gleisanlagen und die Spree hinweg, dauerte fast eine Stunde, so wie mit der Bahn. Das war mir zu lange. Ein Fahrrad musste her. Damit käme ich am schnellsten durch die Stadt und wäre schneller als die U-Bahn, bei der ich am Alexanderplatz zeitraubend umsteigen musste. Geld für ein neues Rad hatte ich nicht, also ging ich auf den größten Flohmarkt Berlins am Reichpietschufer, zum sogenannten Polenmarkt[*]. Ich war mir sicher, dass ich auf so einem großen Flohmarkt ein Rad finden würde.

Ich suchte nicht lange, bis ich zwischen zwei Flohmarktständen ein Fahrrad meines Herzens stehen sah, ein einfaches Rad, genau so wie ich es mir wünschte. Dem jungen Verkäufer gab ich fünfzig D-Mark und schob es durch die Menschenmasse. Ich hatte den Ausgang noch keine zehn Meter hinter mir gelassen, da kam ein Pärchen auf mich zu und blieb vor mir stehen.
„Unser Fahrrad!“, riefen sie und freuten sich begeistert. Das hörte sich für Außenstehende sicher nach Glück an, nur nicht für mich.
„Das ist mein Rad“, sagte ich sofort, „das habe ich vor fünf Minuten hier gekauft. Ich bin noch nicht einmal damit gefahren!“
„Uns ist das Rad in der Nacht gestohlen worden. Wir hatten die Idee, dass es hier auf dem Polenmarkt verkauft werden könnte. Wir haben uns deshalb schnell hierher auf den Weg gemacht.“
Na toll, dachte ich. Und nun? „Ich habe es hier gekauft“, sagte ich nochmals ratlos.
„Das glauben wir dir ja, aber trotzdem ist es unser Rad. Könntest du bitte bei der Polizei Angaben zum Verkäufer machen?“, baten sie mich. Um mich nicht unnötig verdächtig zu machen, lehnte ich diese Bitte lieber nicht ab, da keine dreißig Meter weiter eine Wanne[**] stand und unser Treiben bereits beobachtete. Wir gingen also zusammen auf die Wanne zu, das Paar machte seine Aussagen und ich bestätigte meinen Kauf. Die Polizei nahm mir das Fahrrad ab und übergab es dem Pärchen. Ich war verärgert, fünfzig D-Mark hatte ich ausgegeben. Das war für mich nicht wenig Geld, und nun sollte ich weiterhin ohne Rad bleiben? Nachdem das Pärchen gegangen war, forderte mich einer der Polizisten auf, in den Wagen zu steigen, um auf die Kollegen von der Kripo zu warten. Zwecks weiterer Befragung, wie sie sagten. Was wollten sie mich noch befragen? Warum überhaupt Kripo? Wegen eines Fahrrads? Verwundert stieg ich in die Wanne. Kurz darauf schlossen sich hinter mir die Türen. Die Sonne war so schnell weg wie meine Laune. Was passierte hier? Ich fing an zu schwitzen, von außen wie von innen. Wir hatten einen heißen Sommertag und kein Fenster stand offen. Die Luft wurde stickig und mir wurde schlecht.
Das wird doch jetzt hoffentlich nicht mit meiner Hausbesetzung zu tun haben, sorgte ich mich im nächsten Moment. Mein Gedankenkarussell begann sich zu drehen. Es war erst eine Woche her, seit ich das Haus besetzt hatte. Dann stand zwei Tage später völlig überraschend der Bürgermeister vor mir, und prompt wurde ich nun festgenommen. Sie prüften meine Personalien. Was wussten sie über mich? Was hatten sie in ihren neu angeschafften Computern schon alles über mich gespeichert? Ob überhaupt irgendetwas über mich gespeichert war? Das bekam ich nicht mitgeteilt, weshalb ich wild spekulierte. Warum dauerte das so lange? Trugen sie jetzt alle möglichen Informationen von allen möglichen Computern zusammen, während ich wartete? Was konnten sie überhaupt über mich und meine Hausbesetzung wissen? Meine Personalien waren im Osten absolut niemanden bekannt. Nie hatte ich meinen Ausweis irgendjemandem im östlichen Teil der Stadt vorgelegt, weder einem Mitbesetzer noch sonst einer Person. Die Polizei konnte also nichts über mich in Ostberlin wissen, überhaupt nichts, beruhigte ich mich. Es ratterte trotzdem in meinem Kopf und ich spekulierte wild über mögliche Verbindungen zwischen all dem. War das jetzt wieder einmal Zufall? Ich wollte an Zufall nicht glauben.

Nach einer langen halben Stunde, nachdem viele solche Szenarien durch meinen Kopf gerauscht waren, sah ich durch die vergitterten Fenster einen schwarzen Mercedes angefahren kommen. Zwei Männer und eine Frau stiegen aus. Sie trugen keine Uniformen. War das etwa die Kriminalpolizei? Sie wechselten mit einem Polizisten ein paar Worte und stiegen dann zügig zu mir in die Wanne. Wieder sagte ich meinen Namen, und ohne Ankündigung griffen sie in meine Taschen. Ich wehrte mich instinktiv, niemand hatte mir bisher einfach so in meine Tasche gefasst. Sie schauten mich mit aufgerissenen Augen an und nahmen mir meinen Geldbeutel und alle anderen Gegenstände ab. Sie warfen alles achtlos in eine Tüte. Ich war verunsichert und fragte mich, was da vor sich ging. Ich kannte so etwas nicht, hatte nie etwas mit der Polizei zu tun gehabt und protestierte vor aufkommender Angst gegen diese unsensible Behandlung. Ich geriet fast in Panik. Vermutlich machten mich genau diese Nervosität und Aufgeregtheit verdächtig, die aus meiner Unerfahrenheit entsprangen, womit die Kriminalpolizei wiederum keine Erfahrung hatte und in mir offenbar nur einen Täter sehen konnte. So etwas wie Respekt schien ihnen absolut unbekannt zu sein. Sie durchsuchten mich von Kopf bis Fuß, befragten mich erneut und sagten dann: “Wir fahren Sie jetzt nach Hause.”

Schön, dachte ich, sie haben wohl ihren Irrtum eingesehen und bieten mir als eine kleine Entschädigung wenigstens diese exklusive Fahrt an. So sparte ich mir eine Fahrkarte, immerhin. Aber dann wurde mir schlecht. Wohin wollten sie mich fahren? Nach Hause? Ach du grüne Neune! Wo war denn mein Zuhause? Wohin sollte ich sie jetzt führen? Ich konnte ja schlecht mit ihnen nach Ostberlin in die Liebigstraße fahren. Kurz dachte ich über diese Option nach. In den Osten durften Beamte ja nicht fahren, es war immer noch fremdes Staatsgebiet. Sie müssten also an der Grenze Halt machen und mich dort gehen lassen. Was, wenn sie trotzdem rüberfuhren, sie waren ja zivil unterwegs und nicht als Beamte erkennbar? Wollte ich das riskieren? Und dann in die Rigaer Straße? Wie sollte ich meinen GenossInnen erklären, wer diese Herrschaften waren? Sollte ich etwa sagen: Das ist die Kriminalpolizei, die so nett ist, mich wegen eines Irrtums nach Hause zu fahren? Das schien mir dann doch etwas zu gewagt. Nein, das war keine gute Idee, das konnte nur schiefgehen. Ich ließ diesen wagemutigen Gedanken lieber fallen und wollte mein Glück nicht herausfordern. Ich war immer noch in Kreuzberg gemeldet und meine WG-Frist war noch nicht abgelaufen. Ich wohnte dort also ganz offiziell und hatte sogar den Wohnungsschlüssel dabei. Auch meine beiden Taschen mit Klamotten waren noch dort, ich hatte sie bisher nicht nach Friedrichshain gebracht. So führte ich die Kripo zu meiner ganz offiziellen und ordentlich gemeldeten Adresse, zur Kreuzberger WG, und hoffte nur eines: keinen Fehler zu machen, damit das alles nicht amüsanter wurde, als mir lieb war.

Im Auto fragte mich einer der beiden Polizisten, als wäre ich ein Dieb: „Haben Sie denn eine Quittung?“
„Was für eine Quittung?“
„Na, ne Kaufquittung?“
„Nein, natürlich nicht“, ärgerte ich mich über so eine merkwürdige Frage.
„Es ist nicht üblich, auf Flohmärkten Quittungen auszustellen. Jedenfalls habe ich noch nie eine Quittung auf irgendeinem Flohmarkt gesehen“, belehrte ich sie.
„Sie wissen doch, dass auf Flohmärkten alles gestohlen ist“, pflichtete die Kripo-Beamtin ihrem Kollegen bei.

„Weder weiß ich das, noch ist das so. Dort, wo ich herkomme, kann ich mein Rad unverschlossen über Nacht auf dem Dorfplatz stehen lassen, ohne dass es geklaut wird“, sagte ich und fügte nach einer kurzen Pause rotzfrech hinzu: „Wenn Sie so klug sind und wissen, dass hier alles gestohlen ist, warum verhaften Sie dann nicht die Verkäufer?“
Die Spannung im Auto steigerte sich mit meinem letzten Satz enorm. Die Stimmung spitzte sich bis kurz vor einer Eskalation zu, sodass der Kriminalbeamte mir unterschwellig Gewalt androhte. Ich schwieg dann lieber und dachte mir meinen Teil.

Vor dem Haus angekommen, sagte ich: „Das ist ganz oben.“ und hoffte sie damit abzuschütteln. Die Kripo beeindruckte das nicht und sie begleiteten mich bis in das oberste Stockwerk vor die Wohnungstür.
„Es gibt jetzt eine Durchsuchung“, sagte erst jetzt einer der Kripobeamten.
„Mit welcher Begründung? Haben Sie überhaupt einen Durchsuchungsbefehl?“, fragte ich schlagfertig zurück. „Gefahr im Verzug“, kam es sofort über ihre Lippen, routiniert und eingeübt. Sie nahmen meinen Wohnungsschlüssel aus der Tüte und steckten ihn ins Schloss. Der Kriminalbeamte fummelte damit herum und sagte nach einer Weile: „Der passt nicht.“ „Der passt“, widersprach ich sofort und begann heißkalt zu schwitzen. Denn dieser Schlüssel war ein WG-Schlüssel, also eine Kopie einer Kopie der Kopie des Originalschlüssels. Es bedurfte daher eines gewissen Feingefühls, um mit diesem Schlüssel die Tür erfolgreich zu öffnen. Dieses Feingefühl fehlte der Kripo. Sie gaben mir den Schlüssel in die Hand und sagten: „Machen Sie mal auf!“ Ich war nervös genug, um mit zitternder Hand jetzt auch kein Feingefühl mehr zu haben. Ich holte tief Luft, fummelte ebenfalls am Schloss herum und verfluchte sie still und leise.

Klick! – Die Tür sprang tatsächlich auf, und ich war erst einmal sehr erleichtert. Die Kripo schob mich beiseite und ging zuerst in die Wohnung. Meine Mitbewohnerin kam uns schon im Flur entgegen und erschrak vor der fremden zivilen Person, die nicht in die Wohnung gehörte. „Das ist nur die Kriminalpolizei“ rief ich geistesgegenwärtig hinter den Beamten hervor, um sie sofort zu beruhigen und schnell zu informieren und damit zu vermeiden, dass sie womöglich einen verfänglichen Spruch von sich gab, wie: „Sind das etwa deine Hausbesetzerfreunde aus der Liebigstraße?“

Die Kripo stellte sich ihr kurz vor und betrat das Zimmer, das ich gemietet hatte. Bis jetzt ging alles gut. Als sie begannen, die Schränke zu durchsuchen, klärte ich sie darüber auf, dass ich dieses Zimmer nur zur Zwischenmiete gemietet hatte und all die Gegenstände, Schrank, Schreibtisch, Bett, Lampe, Fenster, Teppich, Tapeten etc. nicht mein Eigentum waren und sie daher das Eigentum einer anderen Person durchsuchten. Es gab also nichts, was sie durchsuchen konnten außer meinen Körper, den sie schon durchsucht hatten, und natürlich noch meine beiden Taschen. Auf diese stürzten sie sich dann und warfen alle meine Klamotten achtlos quer durch das Zimmer, nach allen Himmelsrichtungen. Als die Taschen leer waren und sie nichts darin gefunden hatten, auch kein weiteres Fahrrad, füllten sie ein Protokollformular aus, das ich nur noch unterschreiben sollte. Die Durchsuchung sei ja freiwillig geschehen, meinten sie und wollten ein Kreuz darauf setzen.
„Nein“, sagte ich, „das war nicht freiwillig.“

Nachdem die Kripo gegangen war, der Zauber dieser Durchsuchung ein Ende gefunden und ich mich beruhigt hatte, staunte ich nicht schlecht, wie es in meinem WG-Zimmer nun aussah. Beide Taschen mit Klamotten waren von der Kripo flächig verteilt worden und bedeckten nun das ganze Zimmer wie ein Flickenteppich. Ich staunte auch darüber, dass sie meine Erklärung berücksichtigt und weder Schrank noch Schublade durchsucht hatten, sondern nur die von mir als mein Eigentum genannten Taschen.

Ich stopfte meine Klamotten wieder in die beiden Taschen und nahm sie endgültig mit nach Friedrichshain ins besetzte Haus. Wieder ohne Fahrrad, zu Fuß über die Oberbaumbrücke. Ich erwartete die Jugendlichen, die nach Geld fragten, um glauben zu können, dass heute auch noch der Papst um die Ecke kommen würde. Es war spät und immer noch taghell. Nach Geld fragende Jugendliche, der Papst oder sonstige Überraschungen gab es an diesem Tag, zum Glück, keine mehr. Ich war müde und froh, endlich nach Hause zu kommen. Ich warf die Tasche mit der Durchsuchungsquittung der Polizei in die Ecke meines leeren Zimmers und rief: FREIHEIT!



[*] Nach dem Mauerfall nutzten sehr viele Menschen aus dem Osten, überwiegend aus dem nahegelegenen Polen, die offene Grenze, um Hab und Gut gegen etwas harte D-Mark einzutauschen. Am Potsdamer Platz gab es eine große ungenutzte Fläche, auf der sich Berlins größter Trödlermarkt, der „Polenmarkt“ angesiedelt hatte.
[**] Als Wanne werden die vergitterten Mannschaftswagen der Berliner Polizei genannt. Auf den beidseitigen Sitzbänken haben zehn bis zwölf Personen Platz.